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Laudatio auf den neuen Brunnen

Einem gebürtigen und in seiner Heimat sozialisierten Oberstdorfer, der 45 Jahre in Augsburg gelebt, studiert und gelehrt hat und jetzt  in Oberwesel gelandet ist, bieten sich natürlich vergleichende Blicke an, wenn er als Laudator auf einer Stadtfeier etwas zu einem Stadtbrunnen sagen soll. Ich bin Linguist und Historiker, und ich habe viele Jahre mit dem Lehrstuhl für Kunstpädagogik an der Universität Augsburg eng zusammengearbeitet. So werden manche meiner Bemerkungen besonders von daher geprägt sein. Meine Kenntnisse über Nastätten habe ich vor allem aus dem Internet und hoffe deshalb, dass ich keinen fake news aufgesessen bin.

Nastätten ist für mich eine Brunnenstadt, sowie Augsburg als schwäbisches Venedig gilt und angeblich sogar mehr Brücken haben soll als das echte Venedig. Nastätten hat als Verbandsgemeinde zur Wasserversorgung immerhin 29 Brunnen und 4 Quellen und zusätzlich als Kulturgut Brunnen wie die von Paul Müller-Brand. Solche Kunstbrunnen können eine ganze Stadt prägen wie die Renaissancebrunnen von Adrian de Vries in Augsburg. Und der neue Brunnen muss ja nicht der letzte sein.

Dass da einmal ein richtiges Meer war, wo heute Nastätten ist, merkt man zwar nicht mehr direkt, das Wasser bleibt aber ein wichtiges Element der Kultur und Geschichte dieser Stadt. Diese Geschichte und diese Kultur sind reichhaltig und der neue Stadtbrunnen hebt einiges davon hervor. Er trifft natürlich eine Auswahl und so fällt auch einiges unter den Tisch, was erwähnenswert wäre. Aber zum einen hat Paul Müller-Brand beim Vierjahreszeitenbrunnen schon andere Zeichen gesetzt und zum anderen bieten sich bei seinem neuen Stadtbrunnen viele Assoziationen und Ideenlinks an, die Interessantes aus der Geschichte Nastättens uns ins Bewusstsein rufen. Lassen Sie mich deshalb einmal hemmungslos diesen Gedankenvernetzungen nachgehen.

Der Franzose mit Jakobinermütze auf dem Brunnen symbolisiert natürlich die Verbindung zur Partnerstadt Formerie, aber er ruft auch die vielfältig mit Frankreich verbundene Geschichte Nastättens wieder in unser Gedächtnis. Nicht nur die Zeit unter Napoleon von 1806 - 1813, oder die Besatzungszeit 1918/19 und nach dem 2. Weltkrieg, sondern auch den großen Humanisten und Sohn der Stadt Wilhelm Nesen, der 1517 während des Thesenanschlags in Wittenberg in Paris war und später als guter Freund Martin Luthers, dessen Gedanken mitprägen konnte. Ein Weltbürger aus dem kleinen Nastätten.

Aber Wilhelm Nesen ist auch im symbolischen Jahr 1492 geboren, hat also gleichzeitig mit Amerika das europäische Licht der Welt erblickt. Und bevor 1945 Nastätten Teil der französischen Besatzungszone wurde, haben am 27. März 1945 amerikanische Truppen Nastätten befreit. Und da taucht schon wieder ein große historische Figur aus dem Hintergrund auf, der US-Senator Robert Ferdinand Wagner, geboren 1877 in Nastätten. Er hat 1939, als die Ruine der 1938 geschändeten Synagoge in Nastätten abgerissen und das Grundstück eingeebnet wurde,  gemeinsam mit der Kongressabgeordneten Edith Rogers in den USA ein Gesetz durchgesetzt, das 20 000 jüdischen Kindern unter 14 Jahren die Einreise in die USA erlaubte. Er hat als enger Freund von Roosevelt auch während des New Deals den Wagener Act vorangebracht, mit dem die Bildung von Gewerkschaften und das Recht auf eine kollektive Aushandlung von Löhnen und Arbeitsbedingungen abgesichert wurde. Ein wahrhaft großer Nastätter!

Jetzt muss ich aber endlich zu den Bienen kommen. Das Wappen der Stadt Nastätten ist, wie ich auf der offiziellen Website lese, einzigartig mit seinen 5 Bienen, aber es gibt leider weitere Wappen mit Bienenstock und mit 43, mit 9, mit 7 und mit 6 Bienen. Aber die fünf sind wohl wirklich einmalig – dank einer Entscheidung der Stadt von 1957, denn die vorherigen 9 hätte Nastätten sich mit Courtisol an der Marne teilen müssen. Zu den Bienen habe ich übrigens einige mir bisher unbekannte Sprichwörter gefunden, die auch noch die früher wichtige Schafzucht miteinbeziehen und zeigen, wie die Nastätter wohlhabend geworden sind.

Bienen und Schafe ernähren den Mann im Schlafe.

Wer will halten Bien und Schaf, der leg sich nieder und schlaf, schlaf aber nicht zu lang, sonst gibt‘s n armen Mann.

In der Wortschatzsammlung der Universität Leipzig, die die Verwendung in der Presse untersucht findet sich bei den häufigsten Verbindungen erwartungsgemäß die Biene Maja. Aber wichtiger ist der Schlüssel, den uns die Beschreibung „fleißiges Insekt, staatenbildendes Insekt“ für das auf der Website der Stadt nicht gelöste Rätsel bietet, warum das Rathaus der Stadt vom Landvermesser Becher als Bienenkorb abgebildet wurde: Er wollte wohl den Fleiß und die Leistungen der im Rathaus Tätigen für ein funktionierendes Gemeinwesen hervorheben. Aber bescheiden wie die Rathausspitze ist, wollte sie das nicht auf der Website prahlerisch kundtun.

Nun geht es in diesem Brunnen aber weniger um die Bienen als um die Figur der Bienenkönigin. Und da habe ich kurz gegoogelt und 211 000 Einträge gefunden, die ich natürlich bis heute noch nicht alle lesen konnte. Aber eine Hausaufgabe muss ich den Websitebetreuern der Stadt Nastätten mitaufgeben. Die Bienenkönigin von Nastätten kommt erst auf Seite 5, aber die neu geschaffene Bienenkönigin von St. Ingbert schon auf Seite 4! Kann man das nicht ändern? Ich darf Sie aber trösten. Bei der Bienenprinzessin gibt es zwar nur 2090 Ergebnisse, aber Nastätten steht an erster Stelle auf Seite 1!

Nicht direkt auf die erwähnten Schafe und die Schafzucht, aber doch auf die Bedeutung der Landwirtschaft wie des Handwerks, verweisen die Figuren des dicken Schweins, des Blaufärbers und des Gehilfen mit dem Urinfass . Nicht nur fortschrittliches Denken und große Söhne der Stadt exportierten die Nastätter, sondern auch Waren wie das Nastätter Tuch. Die Marktfrau steht für die florierenden Märkte in der Stadt selbst, die viele Besucher anzogen und von denen heute noch Märkte wie der Blaufärbermarkt zeugen. Nicht vergessen sind in diesem Brunnen selbstverständlich der Karneval und seine Bruderschaft Nastede, die in der Gesamtkomposition des Brunnens gleich mit zwei Narren vertreten sind, dafür aber natürlich nicht ganz so groß herauskommen konnten wie der Fastnachter in dem am letzten Samstag in Oberwesel eingeweihten Fastnachtsdenkmal von Paul Müller-Brand.

Zwei Figuren sind nicht recht zuzuordnen. Die eine, die ein wenig an den jungen Elvis Presley erinnert, frei schwebend, unsicher ob es nach unten oder nach oben geht. Wie ein selbstständiger Künstler, der nicht weiß, ob er von den Früchten seiner Arbeit leben kann und der mit seiner künstlerischen Fantasie ab und zu den Boden unter den Füßen verlieren muss, um seine Kreativität voll zu entfalten. Könnte das vielleicht eine Art Signatur sein, der junge Paul Müller-Brand? Und der Mann, der sein Gesicht in seinen Händen birgt und gramvoll nach vorn gebeugt auf einer durchlöcherten Schatztruhe sitzt, als wisse er nicht, wie es weiter gehen soll. Könnte das – eventuell – oder dürfte das nicht sogar sehr wahrscheinlich der Bürgermeister sein, der betrübt ist, dass er schon wieder Geld ausgeben statt einnehmen soll, der der Nachwelt wie König Ludwig II. wertvolle Kulturdenkmäler hinterlässt und jetzt an dessen Schicksal denkt? Ja natürlich! Der Bürgermeister von Nastätten

Habe ich eine Figur vergessen? Ach ja, die zwei Spatzen. Wofür die stehen, das pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern und ich muss es nicht mehr extra erwähnen. In einer kleinen Stadt wie Nastätten bleibt sowieso nichts geheim.

Den runden Grund des Brunnens umschließt ein Stahlring, der nur bis zu einem bestimmten Punkt rostet und so sich auch der Patina anpasst, die nach einem besonderen uralten Rezept bei den Bronzefiguren erzielt wird. Der mittelrheinische Basalt als ideale Basis der Figuren harmoniert mit der Bronze auch farblich. Das Wasser des Brunnens kommt aus dem Hauptstein wie das Quellwasser des Moses aus dem Fels und läuft durch an den Basalt angepasste Bronze-Rinnen.

Die 12 Basaltstelen des Brunnens wirken auf mich wie die Felsbrocken von Stonehedge, wie Relikte aus vergangenen Zeiten, die die Geschichte der Stadt lückenhaft preisgeben und aus denen dann Bilder aufsteigen, die mit den Bronzefiguren eine nachhaltige Gestalt bekommen. Die Stelen lassen Platz für Träumereien, sie sind offen für individuelle Ergänzungen der jeweiligen Betrachterinnen oder Betrachter. Sie schließen die Geschichte nicht ab, sie schließen sie auf und treiben unsere Gedanken hoch in den Himmel. Wir können an und um diesen Brunnen die Geschichte einer Stadt und Region wiederbeleben und mit unseren eigenen Bildern, Gefühlen und Einfällen bis in die Zukunft hinein bereichern. Probieren Sie‘s aus, es lohnt sich, denn dieser Brunnen steht nicht für abgeschlossene Perfektion, sondern für Offenheit und Weite, ein wahrer Bürgerbrunnen. Davon zeugt auch, dass 17 Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Kunst 12 der IGS Nastätten und ihre Kunsterzieherin Claudia Ritter an der Gestaltung des Brunnens schöpferisch beteiligt waren. Wenn so große Kunst mitten aus der Bürgerschaft, aus der Jugend der Stadt erwächst, große Kunst bürgernah ist, kann Nastätten sich zu diesem Stadtjubiläum mit noch mehr Stolz gratulieren. Ich verneige mich!

Paul Müller-Brand ist ein erfahrener und erfolgreicher Künstler mit Einzelausstellungen in Düsseldorf, Frankfurt, Potsdam und anderen deutschen Städten. Er ist seit vielen Jahren Dozent am Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Museen in Nürnberg und an der Sommerakademie Hohenaschau. Seine große Erfahrung mit Bronze- und Steinarbeiten und seine künstlerische Kreativität waren bei diesem eindrucksvollen Stadtbrunnen Voraussetzung für den sichtbar immensen Erfolg. Ich verneige mich noch einmal und schätze mich glücklich, dass ich meinen Freund Paul und seine Frau Franzi immer wieder in Oberwesel begrüßen darf. Die Stadt Nastätten aber hat den großen Künstler Paul Müller-Brand immer und belohnt sich mit diesem Kunstbrunnen für das 200jährige Jubiläum als Stadt und ich kann ihr dazu nur herzlichst gratulieren.

Danke schön.

Dr. Hansjörg Bisle-Müller




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